Seniorenausflug 2012 – mit dem Motorrad ans Schwarze Meer

zurück

Vom 18. Juni bis 09. Juli 2012 sind sechs Dornacher Biker unterwegs zu einem großen Abenteuer ins Donaudelta in Rumänien.

Eben haben sie ihre unendlich verschwitzen und verstaubten Motorradmonturen gegen luftige Jeans und Shirts getauscht. Fast fünfeinhalbtausend Kilometer sind sie gefahren – morgen wollen sie wieder zuhause sein. Die sechs älteren Herren in dem kleinen niederösterreichischen Hotelgarten heben ihre Weingläser und schmunzeln. “Hätten wir diese Tour nicht doch zusammen mit unseren Frauen unternehmen sollen?” Ein Aufschrei – heftiges Kopfschütteln – “nie und nimmer!” ist ihre ungeteilte Meinung. Zu oft hätten gewisse grenzwertige Situationen und Begebenheiten ihre Toleranzgrenzen überschritten. Zu oft wären sie mit ihren Vorstellungen von Mindestkomfort völlig daneben gelegen. Zu oft hätten sie sich beim Anblick undefinierbarer Speisen und Getränke mit Schaudern abgewandt. Zu oft hätten die gewählten Wege zu vehementer, kompromissloser Verweigerungshaltung geführt. Es war besser so.

Vor drei Wochen waren sie mit ihren vollgepackten schweren Motorrädern aufgebrochen. Jo hatte seit Weihnachten an einer “abwechslungsreichen” Tour zum Mündungsdelta der Donau am Schwarzen Meer gebastelt. “Abwechslungsreich” kann im nachhinein als stark untertrieben bezeichnet werden. Mit gewisser Nachdenklichkeit ließen sie die Tour nochmals Revue passieren.

Die Route führte quer durch Österreich über Wien, durch Nord-Ungarn, durch die Steppenlandschaften der Puszta hinein nach Rumänien. Durch Maramures im Norden an der ukrainischen Grenze, vorbei an den bunt bemalten Moldau-Klöstern, bergauf, bergab durch die Ostkarpaten und die wilden Schluchten des Bicaz-Passes hinunter Richtung Südosten nach Tulcea am Beginn des Donaudeltas. Die Maschinen wurden untergestellt und mit kleinem Gepäck ging es auf Schiffen weiter – alten Seelenverkäufern oder noch älteren russischen Tragflügel-Speedboats.

Am zehnten Tag um 16:45 Uhr nach über zweitausend gefahrenene Kilometern standen sie in Sulina an ihrem Ziel. Bei Flußkilometer – 0 – und bis zu den Wadln im Schwarzen Meer und fast dreitausend Kilometer vom Ursprung der Donau im Schwarzwald entfernt. Auf Schleichfahrt durchtuckerten sie per Boot das Biosphärenreservat “Donaudelta” mit seinem Labyrinth verschlungener Kanäle, stiller Seen und mannshoher Schilfgürtel. Aus nächster Nähe in freier Wildbahn Eisvögel, Reiher, Schwarzibise, Seeadler, Kormorane, Blauracken, Pelikane und weiteres, nur aus dem Tierpark bekanntes Geflügel zu erleben, war schon etwas Besonderes. Die Kameras klickten ohne Ende. Erschreckend empfanden sie, mit welcher Unbekümmertheit dieses einzigartige sensible Naturschutzgebiet mit tausenden von PET-Flaschen und sonstigem Unrat zugemüllt und die Donau als Müllabfuhr mißbraucht wird.
Zurück in Tulcea starteten sie wieder ihre Maschinen um nun wieder westwärts zu fahren. Vorbei an der vegetationsfeindlichen Mondlandschaft der Schlammvulkane wieder hinein in die Bergwelt der Südkarpaten führte die Reise durch Transsilvanien bis Brasov. Fast jeden Tag fuhren sie bei Temperaturen zwischen 35 und 40 Grad. Irgendwann standen sie vor Schloss Bran, dem angeblichen ehemaligen Hauptquartier des walachischen Fürsten “Vlad III. dem Pfähler” alias Dracula. Bei dem Touristenrummel, dieser Hitze und dem grellen Sonnenlicht hatte dieser mit Gewissheit keine große Lust, seine kühle angenehme Gruft zu verlassen – der Knoblauch wurden ungenutzt wieder weggepackt.

Die Fahrt ging weiter – hinauf über die abenteuerlichen serpentinen- und kehrengespickten Pisten des Transfagarasan-Passes und Urdele-Passes der Transalpina, den höchsten Straßen Rumäniens in unwirtliche Höhen. Sämtliche Sinne waren permanent angespannt – hinter jeder Kurve waren ohne Vorwarnung mit losem Sand, Schutt, Pferdefuhrwerken, freilaufenden wilden Hunden, Eseln, Pferden, waschzubergroßen Schlaglöchern, ungesicherten Baugruben in denen ein Motorrad samt Fahrer verschwinden kann oder ähnlichen unliebsamen Überraschungen zu rechnen. Sibiu war das nächste Ziel und von da aus ein kurzer Abstecher nach Urwegen, einem kleinen Dorf, in dem noch ganze elf evangelische Siebenbürger Sachsen ihre Kultur, ihre Bräuche, ihre Trachten und ihre Kirche pflegen. Maria, über 70 Jahre alt, ihr Sohn und Freunde gewährten zwei Tage lang überwältigende Gastfreundschaft. Die Biker fühlten sich endlich wieder einmal irgendwie zuhause.

Sie fuhren bisher abseits der Hauptverkehrswege durch ein eher landwirtschaftlich strukturiertes Land. Die Zeit ist hier absolut stehen geblieben. Pferdefuhrwerke als hauptsächliches Transportmittel für Familie, Kind und Kegel, Heu oder Brennholz bestimmen das Bild. Die Leute scheinen vorwiegend Selbstversorger zu sein – in den Gärten baut man Mais, Kartoffeln, Tomaten und Paprika an – gelegentlich schaute eine Kuh über den Zaun. Die Uhren laufen hier sehr langsam – nur immer wenn die sechs Biker durch die langgezogenen Straßendörfer donnerten, kam Leben in die Bude. Die Alten winkten beidhändig von ihren Bänken am Haus, die Mädels lachten, die jungen Burschen wären gerne mitgefahren, johlende Kinder und kläffende Hunde rannten lange hinterher. Hunde gab es überall – vor allem aber in großer Zahl totgefahren und nun als übelriechende Kadaver an der Straße. Trotz aller Einfachheit wirkte doch alles irgendwie aufgeräumt und beileibe nicht ärmlich. Nur beim Anblick mancher riesiger allmählich verfallender Industrieanlagen aus vergangenen Zeiten kam gewisse Endzeit-Stimmung auf.

Auch die Biker blieben von gewisser Abnutzung nicht verschont. Doch Sturzschäden, verlorene Rückspiegel, gebrochene Schalthebel und Kupplungsgriffe, verstopfte Benzinfilter und defekte Magnetventile wurden mit Eigenmitteln, viel Phantasie und auch der Hilfe bereitwilliger Einheimischer wieder instandgesetzt – Verletzungen versorgt und verarztet. Die SVD-Biker ließen sich nicht aufhalten. Auch nicht, als vier Tage vor geplanter Heimkehr in einem elenden, staubigen rumänischen Kaff die Moto Guzzi-Benzinpumpe den Geist aufgab – mit Bordmitteln nicht zu reparieren. Man ließ Harry nicht bei 35 Grad, in durchschwitzter Motorradmontur und 30 Kilo Gepäck in der Wüste stehen. Seine Packtasche und er wurden auf Klaus’ und Jo’s  Maschinen verteilt und weiter ging die wilde Fahrt. Endlich war wieder Ungarn erreicht. In einem vornehmen Wellness-Hotel bei Debrecen pflegten sie ihre strapazierten Glieder – um am Abend in einer abgelegenen Puszta-Kneipe das lustigste Fest der gesamten Reise zu erleben. Nur Harry war traurig – er hielt eine Fahrt als Sozius über tausend Kilometer nicht durch und organisierte bereits seinen Rückflug von Budapest. Doch an diesem Abend zeigte sich auch ihre Verbundenheit und ihre Kameradschaft mit dem Satz: “Wir sind zu sechst weggefahren und werden zu sechst wieder heimkommen”.  Wolfgang überreichte Harry den Zündschlüssel seiner BMW und kletterte als Sozius auf Jo’s Maschine.

Inzwischen sind alle fröhlich, vollzählig und gesund zuhause eingetroffen – von ihren lieben Frauen aufatmend in die Arme genommen. Auch die Guzzi ist schon per KFZ-Rückholdienst auf dem Weg (und inzwischen wieder in der heimischen Garage).  Daß Max zwei mal der Schalthebel gebrochen war, wußte er selber – daß er sich aber bereits am zweiten Tag bei seinem Sturz das Bein gebrochen hatte, sagte ihm jetzt erst sein Arzt.

Hund’ san’s scho – die Rentner-Biker vom SV Dornach – und der Max ist ein besonders harter.

 

{gallery}motorsport/touren/2012_Seniorentour/Bilder{/gallery}

zurück