„Thüringer Bratwurst – Motorradtour“ 02. bis 05.Juni 2011

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”ready for take off ” – so heißt es am Donnerstag, 8.00 Uhr morgens am Dornacher Sportheim. Achtundzwanzig Biker haben nach argwöhnischem Blick zum wolkenverhangenen Himmel noch schnell die lange Unterhose angezogen. (Anmerkung der Redaktion: nicht alle 28 hatten eine lange Unterhose an ).

Dann weckt das Motorengrollen von vierundzwanzig schweren Maschinen den letzten Langschläfer.

Vier eigenständige Gruppen orientieren sich in zeitlichen Abständen nach Nordost und geben Gas ”let’s go to Thüringen”. Gunter Sachs hat es einmal treffend formuliert: ”Beim Motorradfahren muss man den Wind im Gesicht, die Unebenheiten der Straße am Hintern und das Vibrieren der Maschine im Herzen spüren, dazu ein ordentlicher Sound – alles andere ist so fade wie ein Kuss von der Tante”.
Öde hundertachzig Autobahnkilometer sind schnell überwunden – hinter Nürnberg biegt man schon in die Fränkische Schweiz ab. Immer heftiger scheint nun die Sonne vom Himmel und es wird warm. Das Kurvenschaukeln durch das malerische Tal entlang der Wiesent ist schon mal der erste Hochgenuss.
Als kunterbunte Farbtupfer erscheinen die zahlreichen Kajaks durch das Grün. Die Wassersportler haben es schön – sie haben keine warmen langen Unterhosen an.

Abwechslungsreich ist die beschauliche Fahrt durch die oberfränkischen Hügellandschaften und den kleinen Dörfern mit ihren schiefen Fachwerkhäuschen. Die Landesgrenze zu Thüringen wird überquert. Lauscha Glasbläserstadt und Geburtsort des gläsernen Christbaumschmucks wird durchfahren. Die wunderschönen dicken Glasmurmeln mit den farbigen Schlieren, die man als Kind so geliebt hat, stammen von hier. Wer möchte, kann hier auch ein tolles mundgeblasenes Designer- Glasauge erstehen.

Der erste gemeinsame Treffpunkt ”Holzkirche in Neuhaus a. Rennweg”, eine der größten Holzkirchen Thüringens, wird erreicht. Das Kreuz tut weh – aber es ist nicht mehr weit nach Oberhof, dem ”Headquarter” für die nächsten drei Tage.
Thüringen ist ein schönes Fleckchen Erde. Hügelland und weite Ebenen im raschen Wechsel, luftige Mischwälder und Blumenwiesen, immer wieder unterbrochen von feuerroten Klatschmohnfeldern. Von kleinen geduckten Dörfern lugen nur die schwarzglänzenden schiefergedeckten Kirchturmkuppeln hervor. Blitzsauber sind die Fachwerk- und Bürgerhäuser, bunt und vielfach liebevoll restauriert. Der alte Charme ist wieder erkennbar – der triste Muff von vierzig Jahren vorherrschend graubeiger Gebäudefarben und großflächig abgeplatzem Putz ist schon lange Vergangenheit.

Im Berghotel in Oberhof ist man gut untergebracht – das Radeberger Pils erfreut sich allabendlich regem Zuspruch.
Die Wartburg bei Eisenach ist der erste Anlaufpunkt des zweiten Tages. In der ”Lutherstube”, dem authentischen Arbeitsort von Martin Luther, braucht man nur wenig Phantasie um sich in die Reformationszeit zurück zu ”beamen” als dort ein gewisser ”Junker Jörg” das neue Testament übersetzte.
Weit sieht man ins Land hinein, mächtig ragt unweit das Burschenschaftsdenkmal auf. 1897 wurde es erbaut und ”allen Männern (sicher auch Frauen), welche an der Einigung Deutschlands mitgewirkt haben” gewidmet. Den Krieg überstand es unbeschädigt die mutwilligen schweren Beschädigungen entstanden nach 1945 durch Zeitgenossen, welche mit einer Deutschen Einheit nix am Hut hatten.

Eine abenteuerliche Reise zum Mittelpunkt der Erde folgt beim nächsten Zusammentreffen. Im Kalibergwerk Merkers mit seinem Gewirr von etwa viertausendsechshundert Kilometer Stollen läßt man sich gemeinsam im Förderkorb auf achthundert Meter Tiefe und +28 Grad Wärme hinabschießen. Das ist was für Biker – jedoch absolut nix für Klaustrophobiker.
Der offene Mannschafts-Lkw brettert mit siebenundzwanzig wackeren behelmten SVD-Motorradlern auf der Ladefläche mit ”gefühlten” achtzig km/h (offiziell sind es nur knapp 40 km/h) durch die absolute Stollenfinsternis. Zweiundzwanzig Kilometer bergauf – bergab – links – rechts – jeweils etwa zwei Meter Seitenabstand und oftmals nur fünfzig Zentimeter Deckenabstand. Die ”Wilde Maus” läßt grüßen. Eine fast rechtwinklige Linkskurve bei gleichzeitig fünfzehn Prozent Gefälle läßt den sehnlichen Wunsch aufkommen, seine ”Original Thüringer Bratwurst” doch lieber erst nachher gegessen zu haben.
Der ”Goldraum”in dem die Amerikaner bei Kriegsende die dort versteckten gesamten Gold- u. Devisenbestände der Reichsbank und Kunstwerke von unschätzbarem Wert fanden und auch die erst 1980 entdeckte phantastische ”Kristallgrotte” mit riesigen gleißenden Salzkristallen sind nur Teil einer Fülle von Sehens- und Merkwürdigkeiten in dieser dunklen Welt da unten. Die ”Kristallbar” erweist sich in alkoholischer Hinsicht als Entäuschung.
Wieder oben bei Licht und Luft geht es weiter auf verschlungenen ”Porzellanstraßen” – ”Bier- u. Burgenstraßen”, ”Alleenstraßen”, ”Fachwerkstraßen”.

Die tägliche Navigation der einzelnen Gruppen ist ein eigenes Kapitel.
Wie heißt es doch im Psalm 25,8 ”Der Herr ist gütig und verlässlich, darum zeigt er dem Irrenden den Weg”. Der Ungläubige traut dem nicht so recht – er hat ja nur vier Tage Zeit. Also holt er sein Navi hervor. Wie sich herausstellt – oftmals mit fatalen Folgen. Wegen meist schlecht beschilderter Umleitungen kann man meist auch sein Kartenmaterial ”den Hasen geben”.

Weimar, eine deutsche Kulturstadt, ist das Samstagvormittagsziel. Über das Wirken der beiden großen deutschen Dichterfürsten Schiller und Goethe spricht ein gut gelaunter Führer mit profundem Wissen. Langweilig ist anders – es wird oft schallend gelacht und Beifall geklatscht.
Der späte Nachmittag ist nach einem zügigen, herrlich kurvigen Abstecher durch das Kyffhäuser Gebirge dem ”erwachenden Kaiser Barbarossa im unterirdischen Schlosse” gewidmet. Das ”Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal” auf der Kuppe des Kyffhäuserberges, 81 Meter hoch, majestätisch und von Weitem sichtbar, sollte man schon einmal gesehen haben. Die ”Harten” – vornehmlich aus der Ü60-Gruppe klettern bei affiger Hitze auch noch die 247 Stufen zur Krone empor, um von dort aus eine grandiose Weitsicht zu haben. Der Rest sitzt apathisch in der Denkmalkneipe.

Letzter Abend auf der Terrasse – im Hotelsaal bittet man zum Tanz – vergeblich, zumindest bei den Bikern.
Kein Wunder bei der Musik – man denkt wehmütig an Mougins.

Sonntag ist Rückreise. Es ist drückend heiß. Im Nordwesten türmen sich ab Mittag erste dunkle Wolkengebilde. Es wär doch richtig langweilig, eine Tour zu fahren ohne einmal richtig nass gemacht zu werden – und da geht’s auch schon los. Zehn Minuten Prasselregen ab Greding – jedoch über München ist noch blauer Himmel. Die Regenkombi bleibt wo sie ist, man fährt einfach schneller und schon ist man wieder trocken.
Stau auf der Autobahn. Bereitwillig bilden die Autofahrer eine Gasse für die Biker. Sie denken mit und wissen, daß Stop+Go mit schleifender Kupplung und mangelnder Fahrtwindkühlung Motorrad und Fahrer nicht lange durchhalten.
Um 16.00 Uhr Ortszeit treffen sich die Ersten im ”Monsalvy-Garten” in Aschheim – kurz darauf trudeln auch die Letzten ein. Ein Dorn, mitten in der Lauffläche eines Hinterreifens sorgte unterwegs noch kurzzeitig für Verzögerung. Der Schaden konnte mit Bordmitteln repariert werden. Der Fahrer sollte sich mal an der ”Rentner-Gruppe (63 – 74)” orientieren und mehr ”Schräglage” fahren – dann passiert sowas nicht !!

Gott sei Dank sind alle einschließlich ihrer Maschinen wieder gesund und munter von dieser überaus lustigen und interessanten Tour zurück.
Zur Ehrenrettung von ”Harley Davidson” sei noch erwähnt: Es war diesmal eine BMW, die andauernd irgendwelche Schrauben verloren hat. Es lebe der Kabelbinder!


SVD-Biker am Goethe / Schiller Denkmal in Weimar

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