Seniorenausflug Masuren

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0,99% Rentenerhöhung – da lacht doch das Rentnerherz.”Die werden wir verbraten”, sagten sich Wolfgang (74), Max (73), Joachim (68), Harry (67), Utz (66) und Klaus (63), sechs etwas ältere Herren aus Dornach, Ascheim und Unterföhring und rieben sich die Hände.
Sie betankten ihre Motorräder, packten Zahnbürstel, ein gutes Dutzend Unterhosen, die täglichen Tabletten und Pillen-Rationen und die Kreditkarte zusammen, küßten ihre Frauen zum Abschied und machten sich auf den Weg.

Über Deggendorf und Prag führte die Reise nach Nordosten. In Breslau entkamen sie gerade noch einem schweren Unwetter.
Am zweiten Tag donnerten sie schon über die Weichselbrücke in Thorn und einen Tag später, nach 1200 gefahrenen Kilometern, fotografierten sie sich bereits am berühmten Krantor in Danzig. Vom Turm der Kathedrale in Frauenburg blickten sie weit über das “Frische Haff” und in die russische Exklave Kaliningrad – und nah in eine kleine Fischbratküche am Hafen mit den zartesten heißgeräucherten Heringen.

Hundert Kilometer landeinwärts quartierten sie sich für ein paar Tage bei Lidia und Jozef in ihrem kleinen Bauernhof ein. Von Gänsegeschnatter wurden sie geweckt – von Ziegen in den Schlaf gemeckert – von den täglichen hausgemachten Köstlichkeiten polnischer Küche ganz zu schweigen.

Von hier aus durchkurvten sie landauf landab das Ermland und Masuren, das “Land der tausend Seen” mit seinen Störchen ohne Zahl. Abends, müde nach anstrengender Fahrt, hüpften sie in den eiskalten hauseigenen See, saßen am Lagerfeuer und tranken Bier und Wodka.

Den Höhenunterschied am Oberländischen Kanal überwanden sie nicht über Schleusen sondern wurden nach 150 Jahre alter Technik samt ihrem Schiff an Seilen über die Berge gezogen. Sie sahen wunderbare Dinge in den vielen Klöstern, Kathedralen und wuchtigen Ordensritterburgen – stakten lautlos auf flachen Booten durch geheimnisvolle Flußlandschaften – ahnten den Wahnsinn angesichts der gesprengten riesigen Bunkeranlagen des ehemaligen Führerhauptquartiers “Wolfsschanze” – standen sprachlos vor ehemals prachtvollen, jedoch allmählich verfallenden Herrschaftshäusern ostpreussischer Adelsdynastien.

Durch die Taiga der Rominter Heide ging die wilde Fahrt weiter entlang der russischen Grenze Richtung Osten nach Suwalki. Da war die Welt zu Ende – sie traten den Rückweg über Bialystok in Richtung Süden an. Der Nationalpark Bialowiskie inmitten riesiger unwegsamer Urwälder im polnisch/weißrussischen Grenzgebiet war ihr neues Ziel. Luchs und Biber, Elch und Wolf sagen sich hier Gute Nacht. Sie trafen auf Rückzüchtungen von Tarpanpferden und bereits ausgerotteter europäischer Wisente – und schaute dem schwarzen Bison “Brutus” furchtlos in die blutunterlaufenen Augen.

Mit einer alten Schmalspurbahn, ehemals im Holztransport eingesetzt, zockelten sie bei schweißtreibender Temperatur durch ein dunkelgrünes Gewirr lebender und gestürzter Baumriesen und ausgedehnte Sümpfe in einem der letzten Urwälder Europas. Am Grenzfluß Bug entlang gaben die dichten Wälder hin und wieder den Blick nach Weißrussland und später in die Ukraine frei. Weit im Süden schwenkten sie bei Zamocz in Richtung Krakau ab. In der Krakauer Marienkirche werden nur einmal täglich für 15 Minuten die beiden Seitenflügel des berühmten Hochaltars, eines der Hauptwerke des Bildhauers Veit Stoss, geöffnet. Sie waren rechtzeitig da und staunten.

Polen ist schön – und sie haben Polen und seine Menschen von einer so überaus positiven Seite kennengelernt, welche sie so nicht erwartet hatten.

Über Zakopane und die Hohe Tatra, ein kleiner Ausflug mit dem Pferdefuhrwerk inbegriffen, wechselten sie in die Slowakei und bei Trentschin in die Tschechische Republik. Vom letzten Abend ihres Seniorenausfluges, tief im Kellergewölbe eines kleinen Weinbauern bei Znaim, existieren nur noch bruchstückhafte Erinnerungen.

Siebzehn Tage waren sie unterwegs – braungebrannt, wettergegerbt und schwer nach Knoblauch riechend, kehrten sie zurück. Fünftausend Kilometer sind sie gefahren, vorwiegend auf Nebenstraßen – davon hunderte auf elenden Rumpelpisten bis die Plomben in den Zähnen locker wurden. Sie haben so viel gesehen, so viel erlebt und so viel Gaudi gehabt. Sie haben Stürmen getrotzt, wurden im strömenden Regen bis auf die Knochen eingeweicht und klargespült, im eigenen Saft in der Sonne gebruzzelt, von blutgierigen Mücken gepeinigt. Sie wühlten sich durch Sandpisten und wurden mit Schlamm bespritzt. Tiefe Spurrillen, Schlaglöcher ohne Ende, Bodenwellen in enormer Höhe, loser Sand und Überraschungskurven über Hunderte von Kilometern Landstraße haben täglich ihre äußerste Konzentration und die Beherrschung ihrer Maschinen gefordert.

Sie haben die Freuden und Leiden des Motorradfahrens bis zum Anschlag erlebt – und möchten doch keine einzige Sekunde dieses Abenteuers missen.

Am Montag nachmittag trafen sie zuhause ein, küßten ihre Frauen, sind glücklich und zufrieden, spielen wieder mit ihren Enkelkindern – und warten auf die nächste Rentenerhöhung.

 

 

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