Bericht Mougins Tour 2009

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Ein Mal Mougins und zurück – 2680 Kilometer mit dem Motorrad über alle Berge – Versuch der Beschreibung einer „unbeschreiblichen Reise“

Eine Motorradreise ins Land der Gallier – Mougins, 1.-8. Juli 2009

Reisende auf direktem Weg vom Nordkap nach Timbuktu treffen ziemlich genau auf halbem Wege auf das kleine reizende Städtchen Mougins an der Cote d’Azur. Bemerkenswert ist, dass hier Pablo Picasso längere Zeit lebte und es ihm anscheinend sehr gut gefallen hat. Dass er weiter nach Timbuktu wollte, ist eher unwahrscheinlich.

In Mougins gibt es vieles Bemerkenswerte – so auch den Motorrad-Club MPM mit seinem rührigen Jean-Jaques als „le president“. Über die Partnerschafts-Komitees in Mougins und Aschheim trudelte nun letztes Jahr seine Anfrage ein, ob es hier eventuell auch so was gäbe. Prompte Antwort zurück: „ja – es gäbe“ Die Anfrage entwickelte sich zur Einladung welche die SVD-Motorsportler mit Begeisterung aufnahmen.

Jetzt war es soweit – die Wintersperren der Pässe in den französischen Seealpen waren endlich aufgehoben – dreiundzwanzig Biker machten sich in mehreren kleinen selbständigen Gruppen mit ihren hochbepackten Maschinen auf den Weg. Zugeklebt mit Vignetten und Pickerl donnerten sie auf öden deutschen, österreichischen und Schweizer Autobahnen über Bodensee – Bregenz – Chur um erst einmal „Kilometer zu machen“.

Die ersten fahrerischen Anforderungen wie Oberalppass und Furkapass im Vorderrheintal waren dann schon eher ihr Geschmack – hier trafen sie auf zugig kalten 2436 Metern auf zwei brave Schweizer im T-Shirt. Sie hatten auf einsamer Höhe einen ebenso einsamen, penetrant riechenden Käsestand – inklusive fettige Knoblauchwurst im Angebot. Biker haben grundsätzlich Hunger – kilometerlang zogen sie noch eine feinwürzige Duftschleppe aus Bergkäseknoblauchdunst über Berg und Tal hinter sich her.

Martigny an der schweizerisch-französischen Grenze – rund 540 Kilometern kernige Fahrt lag hinter ihnen. Die meisten fielen, doch nicht ohne noch ein schnelles Bierchen, grußlos in ihr Hotelbett – und schliefen schlecht.

Dann die erste Hiobsbotschaft: Erwin aus Steffens Gruppe musste zurückkehren. Seine Maschine hatte technische Probleme und war mit Bordmitteln nicht zu reparieren.

Die zweite Hiobsbotschaft: Andrea aus Steffens Gruppe ging in einer steilen Kehre der Mut zum Gas geben aus und kippte um. Lack-Kratzer an der Maschine? – wie sieht das denn aus? – so hielt sie ihr Bein dazwischen. Fortan präsentierte sie allabendlich mit hochgekrempelter Hose ihr blaumarmoriertes Schienbein inklusive strammes Wad’l. welches selbstverständlich jedes Mal allseits bewundert und wohlwollend kommentiert wurde.

Und die dritte Hiobsbotschaft: Na – von wem wohl? Bei der 2642 mtr.-Auffahrt zum Col du Galibier nahm man mit gewissem Bedauern ein zwischenzeitlich im Straßenbelag plattgewalztes Felltier zur Kenntnis. Abends, in gemütlicher Runde, wurde offenbar, dass ein todesmutiges Murmeltier eine gewagte Hechtrolle durch Steffens Vorderrad-Speichen versucht hatte. Dieser Versuch ging gründlich in die Hose. Trotzdem wurden Stimmen wie „Mörder“ – „Verkehrsraudi“ und ähnliches laut. Dies ließ Steffen so nicht gelten, denn: 1.) Eine Vollbremsung auf einer steilen 3 Meter breiten holperigen Pass-Straße mit einer bepackten 550 kg -Maschine ist einem Selbstmord gleichzusetzen. 2.) Murmeltiere vermehren sich zügig – und 3.) Das Tier gehörte nicht zu seiner Gruppe. Diese Argumente waren plausibel – besonders das letzte.

Interessant waren die Pfade in verlassenste und entlegenste Höhen in die sich manche verirrten und dennoch alle wieder in bewohnte Gegenden zurückfanden – so auch Wolfgang als Leader der fünfköpfigen Gruppe „Roaring Sixties“. Pässe aller Höhen und Qualitäten und mit wohlklingenden Namen wie Col de l’Iseran, Col d’Izoard, Col de Vars auf der „Route des Grandes Alpes“ wurden erklommen, viele tausend Höhenmeter überwunden, Hunderte von Kurven und Kehren – bergauf und bergab mit möglichst viel Schräglage durchfahren. Der Col de la Cayolle, eine kurvige Rumpelstrecke auf 2400 mtr. hinauf – stellenweise nur noch zwei Meter breit – entlang an tiefen Schluchten und rauschenden Sturzbächen, getrennt durch ein lächerlich niedriges Mäuerlein, stellte Nerven und Schwindelfreiheit der SVD-Biker etwas auf die Probe.

Drei Tage waren die wackeren Motorradler ohne Murren nun schon unterwegs – jeden Tag bis zu zehn Stunden im Sattel – die Stimmung immer bestens – die Abende kontrolliert feuchtfröhlich. Endlich schwenkte man verschwitzt, verstaubt, übernächtig und mit zwischenzeitlich paralysierten gewissen hinteren Körperpartien auf die „Route de Napoleon“ Richtung Grasse – Mougins ein. Am frühen Abend drehte mancher Hotelgast im l‘ Arc Hotel Olea irritiert den Kopf – die Biker waren da.

Nach drei Tagen, überfrachtet an Erlebnissen und Eindrücken sowie 1270 gefahrenen Kilometern, war Mougins erreicht. Schnell ein kaltes Bier gezischt – Maschine versorgt – Motorradkluft aus – ab in die Dusche – verknitterte Hosen, Hemden und T-Shirts aus dem Packsack gekramt und schon war man wieder einsatzfähig für den Empfang. Einfach überwältigend – der gesamte Motorradclub MPM und wahrscheinlich auch das gesamte Partnerschafts-Komitee waren zur Begrüßung gekommen. Reden wurden gehalten – Geschenke überreicht – egal ob einer den andern verstand – es wurde gequatscht und gelacht – gegessen und getrunken. Es war einfach grandios.

Südfranzösische Gelassenheit am nächsten Tag. Als Ouvertüre – ein beschaulicher Vormittags-Bummel durch die Altstadt und ein munteres Boules-Spielchen bei allmählich steigenden Temperaturen. Wie hier gezählt wurde, blieb vielen ein Geheimnis – angeblich haben wir jedes Spiel gewonnen. Kleine aber feine Nachmittags-Motorradtouren wurden dann aber nur noch von den Härtesten gefahren. Die Strapazen der letzten Tage forderten ihren Tribut. Der Adrenalinspiegel musste endlich auf Normalwerte heruntergefahren werden – man nahm sich den Nachmittag frei – plumpste in den Pool – oder plumpste ins Bett. Die Gastgeber hatten Verständnis.

Ein voraussichtlich anstrengender Programmpunkt „Abend mit Musik und Tanz“ stand bevor. Die Dämmerung brach herein – der weitläufige Garten der Musikschule in Mougins füllte sich – warm und samtig die Luft – wieder waren alle da. Langsam schob sich ein kugelrunder Mond über die Baumwipfel – ein erlesenes Buffet lud zum Geniessen und zum wortschatzabhängigen small talk ein – noch war das Konzert der Zikaden zu vernehmen. Dann schlug DJ Yves mit seiner „Soundmachine“ zu. Da hielt es keinen auf den Stühlen. Aus den Boxen wummerten die Bässe – auf der Tanzfläche rockte der Bär, dass die Fetzen flogen – nicht nur die Biker liefen wieder zu Hochform auf. Manch quietschnasses Hemd verlangte danach, schnell mal ausgewunden zu werden. Achim saß auf seinem Hocker und klopfte mit seiner dicken kleinen Zeh‘ die er sich an der Badewanne um 90° nach hinten gebogen hatte, den Takt dazu.

Sonntag frühmorgens – die Maschinen liefen warm – auch die Biker in ihren Lederkombis. Start nach Antibes mit „kleinem Gepäck“ (Badehose und Handtuch) Beim Gewurle durch die Markthallen betörten die vielfältigen Gerüche die Sinne – ein Düfte-Mix nach Gewürzen aus aller Welt – Fisch – Käse – Rosen – Kräuter – wohlriechenden eleganten Damen – Knoblauch – Obst – Gemüse. Beeindruckend auch der kleine Rundgang durch den Yachthafen – vorbei an Dutzenden edelster, gewaltiger Motor- und Segelyachten, die polierten Ferraris an der Hafenkante geparkt – irgendwann war einem der Chiemsee dann aber doch sympathischer.

Dreissig Grad plus zeigte zwischenzeitlich das Thermometer – das Picknick in einer kleinen Bucht verbunden mit einem Hupfer in’s Meer war die Rettung. Cannes – knapp dreißig Maschinen der SVD- und MPM-Biker donnerten entlang der Flaniermeile der Reichen und Schönen – der palmengesäumten „Croisette“ mit dem majestätischen Carlton-Hotel. Doch nach Reichen und Schönen hielt man nicht Ausschau – ein Getränke-Stand’l hatte in diesem Moment weit mehr Attraktivität. Den Nachmittag verbrachten die unverwüstlichen Motorradler damit, den MPM-Bikern auf ihrer Hausstrecke im hügeligen Hinterland von Mougins durch ein Kurven-Eldorado allererster Klasse zu folgen – no problem.

Zum letzten Abendessen traf man sich in einem kleinen feinen Landgasthof. Eine kuriose Episode am Rande, erzählt zu vorgerückter Stunde, sorgte noch einmal für einen enormen Heiterkeitsausbruch: Auf der SVD-Website war zu dieser Tour ein kleines Regelwerk bezüglich einer gewissen „Askese“ in puncto Kondition während der An- und Abreise zu lesen. Dafür wolle man aber in Mougins „die Puppen tanzen lassen“ Diese Textstelle las man auch in Mougins – und war leicht irritiert. „Mon Dieu!!“ – „Puppen tanzen lassen??“ – „wen hat man da eingeladen??“ – „sind die Herren auch anständig??“ Irgendwann wurde dies dann doch als harmlose Redewendung gedeutet. Ein Aufatmen ging durch die Reihen – man entspannte sich wieder.Den ganzen Abend wurde darüber noch gelacht.

Dann bat Richard um’s Wort. Ein Jodler mit einem Gstanzl zur Ehre unserer Gastgeber riss das Volk nochmals zu tosendem Beifall hin – seinen seit zwei Tagen allseits bewunderten Filzhut mit Saufeder, ein echter „Rischaar“ – ein absolutes Unikat – riss er sich nicht nur vom Kopf sondern auch vom Herzen und überreichte ihn Patrick als kleine Anerkennung für dessen Engagement und das der MPM-Motorbiker.

Der Abschied von ihnen und den Damen und Herren des Partnerschafts-Komitees konnte fast als „herzzerreißend“ bezeichnet werden. Wer nicht gerade Adressen austauschte – lag sich in den Armen. Nächstes Jahr will man sich in Dornach wiedersehen.

1300 km Heimreise – wieder über gewaltige Pässe wie den höchsten Alpenübergang Europas, den Col de la Bonette, eine Geröllwüste in 2800 Meter Höhe. Auch der Col d’Izoard – auf der Hinfahrt wegen Murenabgängen gesperrt, war wieder freigeräumt.

Nach letzter Übernachtung am malerischen Lago d’Orta startete die ebenfalls letzte 550 km Etappe – entlang der Uferstraße des Lago Maggiore – durch die zauberhaften Landschaften des Valle Mesolcina – über die Serpentinen des San Bernardino – und das alles bei blauem Himmel und Sonnenschein. Ab Bodensee war jedoch bereits dunkelstes Gewölk im Osten zu sehen – der bayerische Sommer erwartete die Heimkehrenden. Trotzdem schafften es die meisten, mehr oder weniger trocken bis Aschheim. Zum ersten mal richtig nass auf dieser Reise wurden die Dornacher – jedoch erst bei ihrer 3 km-Heimfahrt vom Schäfflerwirt.

Eine konditionell sehr anspruchsvolle – aber auch eine abenteuerliche, wunderschöne, bisher einzigartige – eigentlich unbeschreibliche Reise – das war das einhellige Fazit zu dieser Motorrad-Tour. Das Planungs- und Organisations-Team Achim, Harry, Mark und Wolfgang wollte möglichst wenig dem Zufall überlassen – es ist ihnen gelungen.

Kein einziger Unfall ist passiert – als einzige Totalausfälle waren Erwins Maschine und das Murmeltier zu beklagen. Nur eine einzige, eher selbstkritische Stimme bezüglich der äußerst eingeschränkten Gepäckmitnahme-Situation gab es: „Dös wann i g’wusst hätt‘, dass mei Guzzi durchhölt, hätt‘ i weniger Werkzeug – dafür a Reserve-Unterhos’n mitg’numma“ – das aber war natürlich Spaß.

Neben den vielen, vielen guten Geistern, ob vom Motorrad-Club MPM oder vom Partnerschafts-Komitee, gilt ein ganz besonderer Dank Isabelle Gavory in Mougins und Charlotte Rasmussen in Aschheim für den laufenden wechselseitigen Informationsfluß und auch weiterer Hilfen. Dafür auch der Gemeinde Aschheim unser herzlichster Dank.

 

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