Sachsentour vom 12. – 15. Juli 2007

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1500 Kilometer sind ein weiter Weg – so weit fährt man auch nach Madrid, Algier oder Istanbul. Aber die Maschinen der über zwanzig SVD-Biker rollen diese Strecke diesman durch Tschechien und Polen, vor allem aber duch die Oberlausitz in Sachsen. Außer dem Freistaat-Status haben Bayern und Sachsen zumindest eine weitere Gemeinsamkeit – sprachlich versteht man sie im Rest der Republik nur mit Mühe. Ein kleiner Unterschied: die Bayern wollen nicht anders – die Sachsen können nicht anders! Bedeutende Männer und Frauen stammen aus Sachsen und daß dieses Völkchen neben weiteren nützlichen Dinge auch den Weinbrand, den Bierdeckel, den Lodenmantel und sogar den BH erfunden hat, macht es richtig sympathisch.

Die Anreise am Donnerstag erfolgte auf tschechischer Seite über Eger, Karlsbad, Komotau, Teplitz bis an die Elbe. Schön ist es hier. Die deutsche Vergangenheit ist noch erkennbar. Nahe Bautzen liegt das „Basislager“ – ein „extrem abgelegenes“ aber sehr gepflegtes und komfortabel ausgestattetes Haus, das zu einer „Bildungsakademie für Führungskräfte“ gehört. Daß momentan anscheinend keine Führungskraft weitergebildet werden muß, ist ein Vorteil.

Das Haus gehört den Bikern, einschließlich überdachtem Grillplatz und ausreichend Vorrat an Radeberger Pils. Auf ihrer Seite steht auch das Personal, sie werden verwöhnt, die Küche ist erwähnenswert.

Die erste Tour am nächsten Tag führt durch das engel Kirnitzschtal im „Nationalpark Sächsische Schweiz“. Eine verwunschene Welt tut sich da auf. Die schmale Straße schlängelt sich durch einen düsternen Wald riesiger Tannen, entlang einem Bach – das Wasser schwarz und unergründlich, beidseitig mächtige moosüberzogene Sandsteinblöcke. Eingesäumt von Flechten und wuchernden Farnen, kein Vogel ist zu hören, der Himmel nicht mehr zu sehen. Die Motorradler sind jederzeit bremsbereit – vermutet man doch hinter jeder Kurve zumindest die Sieben Zwerge und die muß man ja nicht unbedingt zwischen die Speichen bekommen. Das allseits propagiert regionale Highlight „Lichtenhainer Wasserfall“, welcher nur alle halbe Stunde nach bedeutungsvoller musikalische Ankündigung durch „Conquest of Paradise“, jeweils für drei Minuten die Felsen herunterpritschelt, erweist sich als liebenswerter Flop. Umso beeindruckender die nächsten Ziele: die „Bastei“ im Elbsandsteingebirge und die gewaltige „Feste Königstein“ hoch über der Elbe.

 

Nicht nur der vorzügliche Pflaumenkuchen aus der Festungsbäckerei – sondern auch die im breitesten Sächsisch gehaltenen Erläuterungen des Fahrers der Festungs-Bimmelbahn sind kulinarisch bzw. phonetische Leckerbissen. Allein die sächsische Version des dabei mehrfach verwendeten Wortes „Panorama“ hört sich einfach umwerfend an und trägt über Stunden zur allgemeinen Heiterkeit bei.

 

Am Samstagvormittag rollen dei Dornacher mit viel Getöse in Görlitz an de deutsch/polnischen Grenze ein. Ein gutgelauntes Grüppchen der Rotwein-Fraktion, welches gerade den stündlichen Frühschoppen abhält, erkennt sie sofort als Bayern, stimmt mit rauher Kehle die Weise „FC-Bayern – Stern des Südens“ an und übernimmt zuverlässig und kostenlos die Bewachung von Motorrädern und Helmen. Die Stadt mit ihren wunderschönen Amts- und Bürgerhäusern, Kirchen und Türmen wird seit Jahren mit hohem finanziellen Aufwand und viel Erfolg restauriert. Irgendwie wird man aber ein eigenartiges Gefühl nicht los. Viele Fenster in den prächtigen Fassaden sind dunkel kein Vorhang, kein Gesicht, kein Blumentopf. Die Menschen in der Innenstadt sind vorwiegend Touristen, die sich die Stadt erklären lassen. Ältere sind in der Mehrzahl. Auch in dem schönen Kaufhaus mit der beeindruckenden Jugendstil-Glaskuppel trifft man vor allem Touristen. Wohnt hier eigentlich auch jemand? Vielleicht täuscht der Eindruck ja. Als Knaller werweist sich der Besuch der Teufelsgrube „Pekelne doly“, einem Höhlen-Labyrinth mit bewegter Vergangenheit im Sandsein der Lausitzer Berge. Vermutlich im 15. Jahrhundert durch Quartzsandabbau für die heimischen Glasbläserzunft entstanden, diente es auch den Mönchen zum wohnen und beten, zur Montage von V1- und V2-Raketenteilen im II. Weltkrieg oder auch als Gemüselagerplatz. Jetzt hat ein tschechischer Motorrad-Club hier sein Domizil.

 

Die absolute Gaudi ist natürlich, daß man hier mit dem Motorrad an dieTheke der gutsortierten Bar fährt, um seine Drinks zu nehmen. Hier trifft man Hardcore-Biker aller Nationalitäten. An deren Bikes findet man alles – nur keine Schalldämpfer. Kulisse, Sound und Stimmung sind bestens. Inzwischen flimmern draußen 38° Hitze – Wolfgang kramt eine Packung ehemaliger Schokoladenkekse aus seiner schwarzen Satteltasche. Nicht mal seine besten Freunde wollen sich aus der Schachtel mit dem undefinierbaren braun-zerschmolzenen Inhalt bedienen.

 

Letzter Tag – strahlend blauer Himmel – Frühstück 6.30 Uhr – wieder sind knapp 40° avisiert – der Butz-Biergarten liegt noch sechshundert Kilometer weit weg. Bereits um neun Uhr früh donnern die siebzehn Maschinen über das „Blaue Wunder“, die Auslegerbrücke über der Elbe, hinein nach Dresden. Die Zeit drängt – das „Sightseeing!“ leidet darunter. Mit dem Versprechen, zurückzukehren und sich diese so schönen wieder aufgebaute Stadt nochmals in Ruhe anzusehen, geht es hinaus auf zweihundert Kilometer heiße, öde Autobahn. Kühler Fahrtwind – was ist das? Wer schon mal von unten in einen laufenden elektrischen Händetrockner geschaut hat, weiß was gemeint ist. Irgendwann schlägt man eine Haken und biegt auf Motorrad-Traumstraßen durch die kühlen Wälder des Vogtlandes ab. Kreuzlahm und mit trockener Kehle wird endlich das kleine Städtchen Markt Neukirchen erreicht. Doch für Dieter bahnt sich eine Tragödie an – hunderfünfzig Meter vor dem rettenden Gasthaus bleibt seine Maschine bergauf mit leeren Tank stehen. Heinz, der Wirt, macht seinem Berggasthof „Heiterer Blick“ alle Ehre, holt ohne Umstände einen 20 Liter-Wehrmachtskanister und Dieters Blick paßt sich dem Wirtshausschild an. Noch dreihundert Kilometer. Dornach – Gasthof Butz – 19.30 Uhr: so eben treffen die Letzten ein. Seit fast zwölf Stunden sind sie unterwegs und lassen sich müde, verschwitzt und verstaubt von harten Motorradsätteln auf noch härtere Biergartenstühle fallen. Zeit wird’s, daß für die Dornacher Biker Polsterstühle bereit gestellt werden – mindestens aber für Wolfgang und Steffen, die diese Tour mit viel Talent, Gespür und Witz ausgesucht und organisiert haben. Schön war’s!

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